Dieser Beitrag wurde am 26. Januar 2018 das letzte Mal aktualisiert.

In einer zweiteiligen Artikelreihe erklären wir euch, was es mit alternativen Betriebssystemen, sogenannten Custom-ROMS, für euer Android-Smartphone auf sich hat.  Im ersten Teil erfahrt ihr, was Custom-ROMs genau sind, welche Vorteile sie mit sich bringen — mit besonderem Fokus auf eurer Privatsphäre — und was die Nachteile einer Installation sein können.

Wikipedia Zitat:
Früher war das ursprüngliche Betriebsprogramm eines Mikrocomputers meist fest in einem ROM-Chip […] eingebrannt. Der Inhalt eines ROM-Chips ist nicht veränderbar, […] daher musste oft der Chip selbst ausgetauscht werden, um das Hersteller-Programm durch ein modifiziertes ersetzen zu können, woher der Name „Custom-ROM“ stammt.

Dank der Quelloffenheit von Android und dessen Linux-Kernel können unabhängige Entwickler inoffizielle Portierungen von Android bereitstellen. Diese sogenannten Custom-ROMs sind also abgewandelte Versionen des Betriebssystems, das ihr  bereits auf eurem Telefon habt.

Es gibt für praktisch jedes Android-Gerät eine Auswahl an Custom-ROMs, die verschiedene Bedürfnisse befriedigen sollen. Ein Projekt stach dabei besonders aus der Masse heraus: CyanogenMod.
Auf der Projekt-Website gab es zahlreiche Custom-ROMS, die alle möglichen Geräte abdeckten, dazu Installationsanleitungen und Hilfestellung zur Fehlerbehebung. Die Modifikationen (Mods) sollten mit mehr Einstellungsmöglichkeiten und einer einfachen Benutzeroberfläche die Benutzbarkeit verbessern und gleichzeitig die Privatsphäre ihrer Nutzer besser schützen.

Leider wurde während der Arbeit an diesem Text das Unternehmen Cyanogen Inc geschlossen und damit auch die CyanogenMod offiziell eingestellt. Das Open-Source-Projekt wird nun ohne die finanzielle Unterstützung der Firma von freiwilligen Entwicklern unter dem Namen Lineage weitergeführt. Es ist derzeit unklar, ob wir euch auch Lineage noch empfehlen können.
Darüber hinaus gibt es zwar Alternativen, aber mit der von CyanogenMod unterstützen Masse an  Geräten kann derzeit kein Projekt mithalten.

Mehr Datenschutz mit Custom-ROMs

Allein mit Fokus auf eurer Privatssphäre sprechen schon zwei essentielle Gründe  für eine gute Custom-ROM:

1. Androids proprietäre Problem

Obwohl Android freie Software ist, die quelloffen entwickelt wird, können Treiber und installierte Software proprietär sein — also nicht quelloffen. Die zwangsweise vorinstallierte proprietäre Google Software (GApps) nötigt euch, bei der Android-Inbetriebnahme ein Google-Konto und somit eine Google-E-Mail-Adresse anzulegen. Ohne sie könnt ihr den App-Markt Google Play nicht verwenden und somit auch keine Apps daraus beziehen. Darüber hinaus sind die dort angeboten Apps zum größten Teil ebenfalls proprietär.

Das Problem an proprietärer Software ist ganz allgemein: Ihr kauft die Katze im Sack. Hier ein paar Beispiele, die gegen proprietäre Software sprechen:

  • Fake Apps
    Vor einigen Jahren gab es auf Google Play kostenpflichtige Antiviren-Software, die zu den am besten bewerteten Apps ihrer Sorte zählte. Später wurde herausgefunden, dass diese App keinen echten Nutzen hatte, sondern ihren Dienst nur vortäuschte. Es ging also nur darum, dem Nutzer das Geld aus der Tasche zu ziehen. Zum Glück war keine bösartige Funktion eingebaut.
  • Spyware
    Noch einen Schritt weiter ging kürzlich eine chinesische Firma. Ihre Spyware ist im Betriebssystem vorinstalliert. Aber auch die Apps aus dem Markt sammeln Daten über euch, die wiederum von Behörden abgeschöpft werden.
  • Euer Gerät gehört Google
    Google kann ohne eure Zustimmung und ohne euer Wissen auf eurem Gerät Software installieren.
  • Google liest eure Mails
    Die E-Mails von Gmail-Nutzern werden auf Stichwörter durchsucht und analysiert. Eine gesonderte Einwilligung über die AGB hinaus hält Google dabei für genauso unnötig wie das allgemein Informieren seiner Nutzer.
  • Google weiß immer, wo ihr seid
    Ihr schaltet immer euer GPS aus, damit ihr nicht getrackt werden könnt? Da lacht Google nur, denn der Dienst Google Cloud Messaging trackt euch trotzdem. Aber nicht nur Google kennt immer euren genauen Standort. Viele Apps anderer Hersteller haben ebenfalls die Möglichkeit, euch zu tracken. Wenn nicht über GPS, dann über die Funkzellen-ID, WLAN oder Bluetooth.
  • Google kennt alle Websites, die ihr besucht
    In Android ist der DNS-Dienst von Google voreingestellt. Jede Namensanfrage wird von Google mitgelesen und gespeichert.

Mit all diesen Informationen kennt euch Google besser als ihr selbst.
Ich höre die Apple-Fans schon laut triumphieren. Keine Sorge, auch Apple gehört zu den ganz Großen in diesem Spiel. Deren Software ist von Haus aus proprietär. Im Jahr 2011 erhielt die Firma für ihre Praktiken sogar den BigBrother-Award. Alle großen Internetkonzerne wollen eure Daten, denn so finanziert sich nun mal das kostenlose Angebot im Internet. Wie praktisch für Google und Apple, dass sie selbst das Betriebssystem und die Dienste für den Spion in eurer Tasche bereitstellen, oder?

Aber auch die Gerätehersteller wollen ihr Stück vom Kuchen und modifizieren Android dafür mit vorinstallierter Software, die ihr nicht einfach deinstallieren könnt; Software, die ebenfalls weitreichende Android-Berechtigungen mit zusätzlichen Benutzerkonten verknüpft und so das personenbezogene Datensammeln perfekt machen.

2. Das Update-Problem von Android

Android ist nicht gleich Android, denn jeder Hersteller basteln seine eigene Version des Betriebssystems. Deswegen sieht dieselbe Android-Version bei jedem Hersteller ein wenig anders aus. Außerdem werden eigene Launcher eingesetzt, die das Design verändern. Bei Samsung heißt er beispielsweise Touchwiz, bei HTC Sense. Außerdem gibt es noch eine Menge herstellereigene Apps obendrauf, die oft unnötig und damit sogenannte Bloatware (Blähware) sind.

Was euch als Alleinstellungsmerkmal zum Kauf ermuntern soll, ist einmal mehr ein Sicherheits-Risiko. Obwohl Google in der Regel zeitnah Patches veröffentlicht, die Sicherheitslücken im Android-Quellcode beseitigen sollen, dauert es lange, bis die Hersteller darauf reagieren und ebenfalls angepasste Versionen veröffentlichen. Da hört die Fragmentierung von Android aber nicht auf. Ein Mobiltelefon hat jeweils eine andere Android-Version, wenn es mit einem Vertrag von Telekom, Vodafone oder O2 erworben wurde, was den Update-Prozess weiter verlangsamt. Diese Grafik veranschaulicht das Problem sehr schön.

3. Die geplante Obsoleszenz

Aus marktwirtschaftlicher Sicht ist es schlau, ein neues Gerät auch mit dem neuesten Android auszuliefern. Doch damit das als Kaufargument gelten kann, dürfen ältere Geräte keine Updates mehr bekommen, weswegen Hersteller ihre Geräte oft spätestens zwei Jahre nach Markteinführung fallen lassen. Dann kommen die Sicherheits- und System-Updates nicht mehr viel zu spät, sondern einfach gar nicht mehr, sodass alte Android-Geräte leichte Beute für Angreifern sind. Das zwingt Nutzer, im Zweijahrestakt ein neues Gerät zu kaufen, falls sie in puncto Sicherheit auf dem neuesten Stand bleiben wollen. Und das, obwohl die Hardware noch immer für ihre Zwecke ausreichend wäre. Ein Hurra auf die Wegwerfgesellschaft.

Möglichkeiten und Risiken von Custom-ROMs

Die Lösung für all diese Probleme ist die Installation einer Custom-ROM. Aber ganz ohne Risiko ist so ein Vorgang natürlich nicht, wie ihr im Anschluss an die Vorteile sehen werdet.

Vorteile

  • System-Updates
    Gerätehersteller bieten nur für einen kurzen Zeitraum Updates für ihre Geräte an. Wer ein Gerät mit Android 6 gekauft hat, wird nur mit viel Glück ein Update auf Version 7 bekommen. Die darauf folgenden Version ist praktisch ausgeschlossen.
    ROM-Entwickler hingegen bieten meistens noch für viele weitere Jahre Updates an und versorgen selbst alte Telefone mit neusten Android-Versionen. Wie gut die auf diesen betagten Geräten laufen, ist dann eine individuelle Frage.
  • Sicherheitsupdates
    In Betriebssystemen werden immer wieder Schwachstellen gefunden, die von Angreifern ausgenutzt werden können. Google bietet meist zeitnahe Patches für diese Lücken an, die aber je nach Gerätehersteller und Vertragspartner nur sehr spät oder gar nicht bei euch ankommen.
    ROM-Entwickler bieten oft in verschiedenen Zyklen Updates an, die Googles Änderungen schnellstmöglich implementieren. Stark vereinfacht reicht das  von täglich (Nightly) und wöchentlich (Weekly) bei experimentellen Versionen, bis viertel- und halbjährlich bei stabilen Versionen (Stable Builds).
  • Mehr Leistung für das Smartphone
    Custom-ROMs kommen ohne sogenannte Bloatware, die kaum jemand benutzt, sich aber ohne Root-Rechte nicht entfernen lässt, und ohne Hersteller-spezifische Themes und Launcher. Dadurch wird unter anderem Speicher gespart, was zu besserer Performance führen kann. Unter Umständen erhöht sich auch die Akkulaufzeit.
  • Maximales personalisieren
    Oft könnt ihr einen Haufen Einstellungen vornehmen, die ihr vorher noch nie gesehen habt. Manche ROMs konzentrieren sich aufgrund der Beliebtheit derartiger Individualisierungen auch speziell auf zahlreiche Zusatzangebote.
  • Root-Zugriff
    Meistens sind die ROMs von Haus aus schon gerootet und benötigen dafür keine weitere App wie SuperSU. Das ermöglicht zahlreiche weitere Sicherheitseinstellungen.
  • Puristisch
    ROMs sind sehr nah am originalen AOSP-Android und kommen ohne Hersteller-eigene Oberfläche aus. Außerdem werden sie immer ohne Google Apps ausgeliefert.

Neutral

  • GApps müssen selbst nachinstalliert werden
    Wenn ihr Googles Apps nutzen wollt, müsst ihr es selbst nachinstallieren. Wenn ihr mit der regulären Installation der ROM keine Probleme habt, ist das aber kaum zusätzlicher Aufwand.

Nachteile

  • Gewährleistung erlischt
    Sollte während oder nach dem Flashen der Custom-ROM ein Problem auftreten, wird der Hersteller eine Reparatur auf Gewährleistung ablehnen. Eine unschöne Praxis ist auch das Ablehnen von Gewährleistungsansprüchen, selbst wenn der Defekt nicht mit dem Flashen zusammenhängt.
    Möglicherweise ist das in bestimmten Fällen anfechtbar,das können wir aber nicht garantieren. Richtet euch also darauf ein, selbst für Schäden aufzukommen.
  • Manchmal Nerven und Mitdenken erforderlich
    Trotz all der Vorteile gibt es auch Probleme. Zum Beispiel, wenn ihr eine instabile Version installiert habt und diese gerade einen Bug hat. Dann funktioniert etwas nicht wie erwartet und das möglicherweise auch über längere Zeit. Das könnt ihr vermeiden, indem ihr auf eine stabile Version oder eine ganz andere ROM ausweicht.
    Außerdem kann der Wechseln zwischen Versionen, wie von Android 6 auf 7 bedeuten, dass ihr alle Daten löschen müsst. Selbst mit einem Backup müsst ihr Systemeinstellungen dann immer wieder neu einstellen.

Gerade für Techniklaien sind diese Nachteile nicht ohne — holt euch Hilfe, online oder offline! –, allgemein überwiegen unserer Meinung nach die Vorteile aber massiv.

Ihr wisst jetzt also, was für und gegen Custom-ROMs spricht. Im zweiten Teil unserer ROM-Reihe haben wir einige Empfehlungen für euch und erklären euch, wie so eine ROM-Installation funktioniert.

– Eure Datenschutzhelden